Interview mit der Delegation von Beschäftigten der T-Mobile US

17. Juni 2016: Beschäftigte der T-Mobile US und KollegInnen der Gewerkschaft CWA waren zu Besuch in Deutschland, um sich mit KollegInnen zu treffen und Erfahrungen auszutauschen. Zwei Wochen später berichten Kevin Elder, Mitarbeiter in einem T-Mobile Call Center in Albuquerque, und Angela Melvin, Beschäftigte von T-Mobile in Wichita und neu benannte Vertrauensfrau von TU, was sie von der Reise mitgenommen haben.

Ihr wurdet von der CWA gefragt, ob ihr als Vertreter der T-Mobile Beschäftigten nach Deutschland reisen würdet, um von euren Erfahrungen zu berichten. Wie war das für euch?

Kevin: In den USA wachsen wir mit der Idee auf, dass die USA die beste Nation der Welt sei, mit dem besten politische System, hervorragenden Schulen, den größten Unternehmen und den tollsten Menschen. Und auf Grund unserer harten Arbeit und der moralischen Überlegenheit seien wir Amerikaner in der Lage, unsere Zeit und unsere Ressourcen anderen, weniger erfolgreichen Ländern der Welt zu schenken. Die Erkenntnis, dass unsere Delegation nun nach Deutschland gehen würde, damit wir nun ver.di um Unterstützung bitten, war für mich deshalb erstmal ein Schock. Zu erkennen, wie viel besser die deutsche Belegschaft behandelt wird – sei es durch eine starke, geschützte Vertretung durch ver.di oder einfach durch die Gesetze – war eine eindrückliche Erfahrung für mich.

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Kevin Elder verteilt Flugblätter vor der Hauptversammlung der DTAG

Angela, du hast eine Rede auf der Hauptversammlung gehalten. Wie war das für dich?

Angela: Das war eine Ehre. In einem unglaublichen Akt der internationalen Solidarität habe ich im Auftrag vieler BelegschaftsaktionärInnen gesprochen, die mir zehntausende Stimmrechte übertragen haben. Ich war sehr aufgeregt, als ich vor den knapp 2000 Aktionären gesprochen habe – aber nichts desto trotz war es sehr bestärkend!

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Angela Melvin (rechts) bei ihrer Rede bei der Hauptversammlung der DTAG


Ihr habt ja auch Telekom Service- und Callcenter besucht. Was habt ihr dabei gelernt?

Angela: Was ich toll fand war das Arbeitsumfeld: die kleineren Räume, weniger hektisch und laut und ohne irgendwelche anderen Ablenkungen. Klasse finde ich auch, dass sie das Leistungssoll nicht wahllos jeden Monat ändern. Ich war außerdem beeindruckt davon, dass die Mitarbeiter in Deutschland quasi unbegrenzt bezahlte Krankentage haben – und die Telekom (trotzdem) ein extrem leistungsfähiges Unternehmen ist! Besonders das Planungsmodell hat mich beeindruckt: die MitarbeiterInnen können ein ganzes Jahr im Voraus planen und es wird auch die persönliche Situation berücksichtigt, statt wie bei und nur die Leistung.

Kevin: Unsere deutschen KollegInnen haben eine starke gewerkschaftliche Organisation auf die sie sich verlassen können und eine Geschichte der Arbeitnehmerrechte auf die sie sich berufen. Dem gegenüber werden die amerikanischen Beschäftigten zum Schweigen gebracht. Diese Erkenntnis war erschreckend für mich, und hat in mir einige Fragen aufgeworfen, die ich während den verschiedenen Treffen mit unseren deutschen Call-Center-KollegInnen diskutierte.

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Besuch bei deutschen KollegInnen

Was war die wichtigste Erfahrung für euch?

Kevin: Es gab so viele lehrreiche Erfahrungen in dieser kurzen Zeit – und viel zu viele, um sie alle zu nennen. Das vielleicht wichtigste was ich von meinen deutschen KollegInnen gelernt habe ist, dass sie sich nicht für ihre Arbeit schämen. […] Ich habe das Auftreten eines Call-Center-Mitarbeiters erlebt, der stolz ist. Ein Call-Center Mitarbeiter, der sich respektiert und wertgeschätzt fühlt, ein Call-Center-Mitarbeiter, der den Respekt einfordert, den er verdient. Wir verdienen den gleichen Respekt. Das ist nicht zu viel von unserem Management und der Unternehmensführung verlangt. Wir alle haben etwas Besseres verdient.

Angela: Es war eine unglaubliche Erfahrung meine deutschen KollegInnen zu treffen. Ich habe gelernt, dass die Arbeitsbedingungen bei der Deutschen Telekom in Deutschland ganz anders sind als bei uns in den USA. Wir könnten auf jeden Fall ein oder zwei Dinge darüber lernen, wie man Mitarbeiter mit Respekt behandelt und was es für einen großen Unterschied macht, einen Tarifvertrag zu haben.


Was werdet ihr nun, wieder in den USA angekommen, euren KollegInnen bei T-Mobile sagen?

Kevin: Ich werde meine KollegInnen fragen: Könnt ihr euch vorstellen eine Person zu haben, die immer für euch da ist und die sich explizit um eure Interessen am Arbeitsplatz kümmert? Könnt ihr euch vorstellen, dass ein Unternehmen wegen schlechter Behandlung von Mitarbeitern zur Rechenschaft gezogen wird? Könnt ihr euch vorstellen, wie ein geschätzter Mitarbeiter, den Fähigkeiten und Qualifikationen angemessen, bezahlt zu werden? Dies alles ist möglich – es ist Alltag für unsere KollegInnen bei der Deutschen Telekom. Und es kann auch bei T-Mobile und in jedem Call-Center in den USA Alltag werden. Aber ohne eine starke gewerkschaftliche Vertretung wird das nie passieren. Die Unternehmen werden uns den Respekt nicht einfach schenken. Sie müssen unter Druck gesetzt werden. Die Beschäftigten müssen sich zusammenschließen und das einfordern, was sie verdienen!

Angela: Die Reise hat meine Wahrnehmung über meine Arbeit verändert, und mir verdeutlicht, dass wir T-Mobile Mitarbeiter den gleichen Respekt verdienen wie die Beschäftigten im deutschen Konzern – und dass wir das über eine Organisierung erreichen können. Ich will den Beschäftigten sagen, dass es möglich ist, dass ihre Stimme gehört wird. Wir müssen uns zusammenschließen, um das möglich zu machen!

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Besuch bei deutschen KollegInnen