„Tyrannei ist ein angemessener Ausdruck dafür“

19. November 2012: Einleitung zur Veröffentlichung einer Serie von Videos und Texten, in denen T-Mobile-Beschäftigte von ihren Erfahrungen berichten. Von Lothar Schröder, ver.di-Bundesvorstand.

Zu den Berichten der Beschäftigten von T-Mobile USA

T-Mobile USA ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom – des größten deutschen Telekommunikationsunternehmens, das sich immer noch zu über 30 Prozent im Eigentum des Bundes befindet. Als Gewerkschafter mit einem Aufsichtsratsmandat bei der Deutschen Telekom fühle ich mich verpflichtet, auch den Arbeitsbedingungen unserer ausländischen Kolleg/innen Aufmerksamkeit zu schenken.

Im Sommer 2012 habe ich die Kolleg/innen unserer Schwestergewerkschaft CWA besucht, in deren Organisationsbereich T-Mobile fällt. Was ich in den USA erlebt und gesehen habe, widerspricht fundamental meinem Verständnis von anständigen Umgangsformen mit Beschäftigten und Gemeinsachaft, wie wir es in Deutschland bei der Telekom – wenn auch naturgemäß nicht ohne Auseinandersetzungen – im Allgemeinen pflegen. Ich habe lange darüber nachgedacht, mit welchen Begriffen die Realität dort zu umschreiben ist. Der passende Begriff dafür ist – Tyrannei.

Kolleg/innen bei T-Mobile sind nicht nur willkürlichen Leistungsanforderungen und Schikanen am Arbeitsplatz ausgesetzt, ihnen fehlt auch jeglicher Kündigungsschutz. Verkaufsdruck bis hin zu unmoralischen Methoden, respektloser Umgang, willkürliche Disziplinierung und Kündigungsdrohungen sind an der Tagesordnung und führen zu Stress, Krankheiten und hoher Fluktuation.

Gegen das Hire- und Fire-System nach frühkapitalistischer Manier gibt es ohne Gewerkschaft keine mögliche Gegenwehr. Das System der Arbeitsbeziehungen in den USA kennt keine Betriebsräte – eine Gewerkschaftsorganisation im Betrieb ist die einzige Möglichkeit, wie die Beschäftigten eine Stimme am Arbeitsplatz und eine Interessenvertretung erlangen können. Genau diese Organisationsform wird vom Management von T-Mobile aber aktiv bekämpft.

Im den nächsten Wochen werden wir auf dieser Website Kolleg/innen von T-Mobile zu Wort kommen lassen, die eindringlich und erschütternd ihre Arbeitsrealität schildern. Einige von ihnen haben aufgrund des arbeitsbedingten Stresses inzwischen gekündigt, einige sind unter fadenscheinigen Begründungen entlassen worden, einige versuchen immer noch trotz aller Hindernisse, für sich und ihre Kolleg/innen bessere Arbeitsbedingungen, Respekt und Würde, und eine Stimme am Arbeitsplatz für sich zu erkämpfen.

Dabei sollten und werden wir sie unterstützen, so lange, bis das Management der Deutschen Telekom Gewerkschaftsrechte auch in den USA wirklich anerkennt und in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften eine sozial verantwortliche, auf gegenseitiger Anerkennung beruhende Personalpolitik bei T-Mobile entwickelt.

Das Management muß sich in den Gewerkschaftsanerkennungsverfahren neutral verhalten, damit Beschäftigte überhaupt ein Chance haben, sich für eine Stimme im Betrieb zu entscheiden. Ich möchte Dir/Ihnen diese Texte und Videos besonders ans Herz legen. Die Telekom ist ein Unternehmen aus Deutschland, in ihrem Namen werden den US-Kolleg/innen elementare Rechte verweigert. Das geht uns alle an.